Blinden-Stadtmodelle

Zum Fühlen, Sehen und Begreifen

Sie bilden inzwischen in vielen deutschen Städten - aber auch in der Schweiz, Frankreich und den Niederlanden - einen Anziehungspunkt für Bewohner und Besucher der Orte.
Und wenn die blinden Mitbürger auf Fingerkuppen ihre Stadt ertasten, in der sie lange leben, aber die sie nie begreifen konnten, dann ist es jedesmal wieder ein bewegender Moment.

Die Altstadt zum Anfassen

Auf Fingerkuppen durch die Straßen spazieren. Die Anordnung der Plätze und Gassen ertasten. Die Größenunterschiede zwischen Häusern und Kirchen erkennen. Architektur und Stadtgeschichte erfahren. Wenn blinde Mitbürger zum ersten Mal ihre Stadt befühlen, deren Mauern sie zwar berühren, deren Dimensionen sie aber nie begreifen konnten, so ist es für sie eine ganz neue Erfahrung. Für die Stadt Münster entwickelte Bidhauer Egbert Broerken das erste Stadtmodell, eine Bronzeskulptur, die ein Teil der Altstadt maßstabgetreu zeigt. Kleine Punkte in Blindenschrift (Braille) geben notwendige Erläuterungen zu Bürgerhäusern, Kirchen, Straßen und Plätzen. So können Sehbehinderte im wahrsten Sinne des Wortes ihre Stadt ertasten, erfahren, begreifen. Tasten ist hier kein Notbehelf, es hat eine eigene Erkenntnisqualität. Insofern ist es nicht nur ein künstlerischer, sondern auch ein menschlicher Beitrag zur Integration behinderter Mitbürger.

Die bronzenen Stadtskulpturen geben aber nicht nur den blinden Mitbürgern die Möglichkeit dreidimensionale architektonische, geschichtliche oder touristische Erfahrungen zu machen. Auch in der sehenden Bevölkerung stoßen die Miniatur-Stadtansichten auf große Resonanz. Eröffnen sich doch durch den ungewöhnlichen Blickwinkel ganz neue Perspektiven auf die Heimatstadt. Von oben erschließen sich bauliche Strukturen einfacher und werden für den Betrachter sinnlich nachvollziehbar.

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Jung und Alt, Blinde wie Sehende, kommen an diesen Stadtmodellen miteinander ins Gespräch, man lernt voneinander, man interessiert sich füreinander. Die positive Resonanz in Münster ermutigte viele weitere Städte dazu, ein Bronzerelief für Blinde und Sehende aufzustellen, zum Beispiel in Osnabrück, Celle, Braunschweig, Lübeck, Halberstadt, Kulmbach, Erfurt, Minden, Bielefeld, Stralsund, München, Hamburg, Berlin u.a. Auf der Karte können Sie sich die Bilder der einzelnen Modelle anschauen. In Münster stehen inzwischen vier Bronzereliefs, die jeweils einen anderen Stadtteil zeigen.

Durchschnittlich ein Dreivierteljahr arbeiten die Künstler an einem Projekt, ausgehend vom Fotografieren aller Gebäude und Häuserzeilen, über dem Bau maßstabgetreuer architektonischer Modelle, dem künstlerischen Modellieren der Wachsmodelle, bis hin zum Bronzeguss und bildhauerischem Bearbeiten des Sockels.